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Wer kennt nicht aus Chemieunterricht oder Tag-der-offenen-Tür-Veranstaltungen an der Universität die spektakulären Experimente mit flüssigem Stickstoff? Mit Brillen und Handschuhen vermummte Chemielaboranten tauchen Gegenstände in geheimnisvoll dampfende Flüssigkeit und schlagen danach mit einer Banane einen Nagel in ein Brett oder lassen eine Rose auf dem Boden zersplittern.
Das müsste sich doch auch für unsere Zwecke nutzen lassen! Eine gefrorene Blüte, von einer Luftgewehrkugel zerschmettert! Die Idee wurde schon im Frühjahr 2006 geboren, aber bis zur Umsetzung war es ein langer Weg. Viele Fragen mussten beantwortet, viele Probleme gelöst, viele "Vielleichts" geklärt werden. Natürlich benötigten wir auch spezielle Ausrüstung, nicht zu vergessen den flüssigen Stickstoff. Die erste Anlaufstelle war unser Arbeitskollege Holger, der studierte Biologe, der reichlich Erfahrung im Umgang mit dem Zeug hatte. Er versorgte uns mit dem benötigten Hintergrundwissen und Tips zur Ausrüstung. Der Rest ergab sich aus Recherchen und weiteren Kontakten. 1. Stickstoff Stickstoff an sich ist nicht gefährlich. Schließlich atmen wir ihn ja ständig ein, da unsere Atmosphäre zu ca. 78% daraus besteht. Stickstoff geht bei -195,80° C in den flüssigen Aggregatzustand über und kann dann in geeigneten Behältern gelagert werden. Flüssiger Stickstoff kann bei Hautkontakt starke Erfrierungen verursachen und muß daher vorsichtig und mit Schutzmaßnahmen (Handschuhe, Schutzbrille) gehandhabt werden. Flüssiger Stickstoff expandiert beim Übergang in den gasförmigen Zustand um das tausendfache und kann daher den Luftsauerstoff verdrängen. Man erstickt also nicht am Gas Stickstoff, sondern am Nichtvorhandensein des Sauerstoffs. Einige Liter in einem geschlossenen Raum zu verschütten ist keine gute Idee, auch muß bei der Aufbewahrung immer für gute Durchlüftung gesorgt werden, da der Stickstoff langsam aber sicher verfliegt. Unser mehrere hundert Quadratmeter große zugige Dachboden bietet auch hier wieder ideale Bedingungen! 2. Beschaffung Flüssiger Stickstoff in "haushaltsüblichen Mengen" ist nicht leicht zu beziehen. Gaslieferanten wie z.B. Linde Gas bedienen eher Großverbraucher. Glücklicherweise fanden wir in der Firma Lüdenbach GmbH einen nicht zu weit entfernten Lieferanten für Kleinmengen. Blieb noch die Frage zum Transport: Transport im eigenen PKW scheidet aus Sicherheitsgründen aus, aber Lüdenbach liefert zu fairen Preisen im Großraum NRW direkt an, womit sich allerdings direkt die nächste Frage ergab: worin lagern? Denn mit "Kleinmenge" sind in diesem Fall 50l gemeint. 3. Aufbewahrung 50l flüssigen Stickstoff zu besitzen bietet die Möglichkeit, mehrere Photosessions an verschiedenen Tagen durchführen zu können. Also musste ein ausreichendes Lagergefäß beschafft werden. Bei eBay (wo sonst) wurden wir schließlich fündig und erwarben für wenig Geld einen 50l-Lagerbehälter der Firma Cryotherm, ehemals im Besitz der Firma Messer Griesheim (heute Messer Group GmbH). Das Gewicht von fast 40kg sorgte für unübliche Versandkosten... 4. Handhabung Der Lagerbehälter hat eine möglichst kleine Öffnung, um den Wärmeübergang und damit die Verdunstungsrate möglichst gering zu halten. Das ist zum Arbeiten natürlich ungeeignet, weshalb man dafür jeweils eine geringe Menge in ein Arbeitsgefäß, ein sogenanntes Dewargefäß, umfüllen muß. Dies ist ein doppelwandiges vakuumiertes Glasgefäß, welches den Stickstoff einige Stunden vom Verdunsten abhalten kann. Zum Tauchen der Gegenstände ist ein Dewar mit großer Öffnungsweite sehr praktisch. Bei eBay erwarben wir nach längerer Suchzeit endlich einen Dewar mit 2l Inhalt und 15cm Öffnung, ausreichend für unsere Pläne. 5. Gefrieren Der eigentliche Gefriervorgang erwies sich letztlich als nicht so schwierig wie erwartet. Die Handhabung des Stickstoffs ist mit einigem Respekt problemlos. Die gefrorenen Objekte tauen relativ schnell wieder auf, insbesondere dünne Blütenblätter sind da sehr empfindlich. Das heißt, die Position und Ausrichtung des Objekts muß schon vor dem Tauchen markiert und hinterher schnell wiederhergestellt werden, bevor es zu tauen beginnt. Mit etwas Übung klappte es erstaunlich gut. Die Wahl gefrierbarer Gegenstände war nicht einfach. Blüten tauen sehr schnell wieder auf und setzen deshalb keinen Reif an. Ganze Tomaten oder Gurken gefrieren von außen nach innen und platzen, wenn sich das Wasser im Innern beim Gefrieren ausdehnt. Außerdem werden sie so hart, daß Kugeln wirkungslos davon abprallen. Ganz gut eigneten sich Plastikfiguren, die sehr spröde werden und lang genug kalt bleiben, um etwas Reif anzusetzen. Ein Schlumpf explodierte allerdings nach dem Tauchbad vor unseren Augen in tausend Teile! Der Lagerbehälter erwies sich als sehr leistungsfähig, so daß wir drei Wochen lang Stickstoff für insgesamt fünf Photosessions hatten. Passiert ist uns auch nichts, und obwohl wir vorher wie üblich für verrückt erklärt wurden, hatten wir auch dieses Mal wieder viel Spaß und lieferten ein weiteres Mal nie zuvor gesehene Bilder aus der Welt der Augenblicke. "Die Bewegung einfrieren" wurde hier gleich zweifach umgesetzt... |
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